Warum entsteht das Fraser-Syndrom? Die Antwort liegt in den Genen — genauer gesagt in drei Genen, die gemeinsam dafür sorgen, dass während der embryonalen Entwicklung Haut, Augen, Nieren und Gliedmaßen ihre richtige Form erhalten. Wenn beide Elternteile eine veränderte Kopie eines dieser Gene tragen, kann ihr Kind betroffen sein. Dieser Artikel erklärt die genetischen Grundlagen des Fraser-Syndroms: welche Gene beteiligt sind, wie die zugehörigen Proteine zusammenarbeiten, was bei einem Defekt passiert — und was das für die Familienplanung bedeutet.
Der Erbgang — autosomal-rezessiv
Das Fraser-Syndrom wird autosomal-rezessiv vererbt. Um zu verstehen, was das bedeutet, ist ein kurzer Ausflug in die Grundlagen der Genetik hilfreich.
Jeder Mensch besitzt von jedem Gen zwei Kopien — eine von der Mutter, eine vom Vater. „Autosomal" bedeutet, dass das betroffene Gen nicht auf den Geschlechtschromosomen (X oder Y) liegt, sondern auf einem der 22 Autosomen. Die Erkrankung betrifft Jungen und Mädchen gleichermaßen. „Rezessiv" bedeutet, dass beide Genkopien verändert (mutiert) sein müssen, damit die Erkrankung auftritt. Eine einzige funktionierende Kopie reicht aus, um genügend intaktes Protein herzustellen.
Menschen, die nur eine veränderte Genkopie tragen, sind Träger (Fachbegriff: heterozygot). Sie sind selbst vollkommen gesund und haben keinerlei Symptome. Erst wenn zwei Träger gemeinsam Kinder bekommen, besteht bei jeder Schwangerschaft eine Wahrscheinlichkeit von 25 %, dass das Kind beide veränderten Kopien erbt und damit betroffen ist.
Da das Fraser-Syndrom sehr selten ist (die Häufigkeit wird auf etwa 1:200.000 Geburten geschätzt), treffen zwei Träger desselben veränderten Gens im Alltag nur selten aufeinander. Die Wahrscheinlichkeit steigt jedoch deutlich, wenn die Eltern miteinander verwandt sind — etwa bei Ehen zwischen Cousins. Tatsächlich findet sich in vielen beschriebenen Fraser-Syndrom-Familien eine Blutsverwandtschaft der Eltern (Konsanguinität), was den autosomal-rezessiven Erbgang unterstreicht (van Haelst et al., 2007).
Die drei Gene: FRAS1, FREM2 und GRIP1
Bis heute sind drei Gene bekannt, deren Veränderungen das Fraser-Syndrom verursachen können. Je nachdem, welches Gen betroffen ist, wird in der Fachliteratur zwischen Fraser-Syndrom 1, 2 und 3 unterschieden — die klinischen Auswirkungen sind jedoch weitgehend identisch.
FRAS1 — die häufigste Ursache
Das Gen FRAS1 (Fraser Extracellular Matrix Complex Subunit 1) liegt auf Chromosom 4 (Genort 4q21.21) und ist mit 69 Exons ein ungewöhnlich großes Gen. Es kodiert ein Protein von 4.007 Aminosäuren Länge, das zur Familie der extrazellulären Matrixproteine gehört. Das FRAS1-Protein wird von Epithelzellen — also Zellen der Körperoberfläche — hergestellt und in die Basalmembran eingebaut, wo es als Verankerungsstruktur dient (McGregor et al., 2003).
Mutationen im FRAS1-Gen sind die häufigste genetische Ursache des Fraser-Syndroms und machen etwa 65 % aller genetisch bestätigten Fälle aus. Die Veränderungen sind gleichmäßig über das gesamte Gen verteilt — es gibt keinen einzelnen „Hotspot", an dem Mutationen besonders oft auftreten. Die Art der Mutationen ist vielfältig: Es kommen Nonsense-Mutationen (die zu einem vorzeitigen Stopp der Proteinsynthese führen), Frameshift-Mutationen (die den Leserahmen verschieben), Splicing-Mutationen (die das Herausschneiden der Introns stören) und Missense-Mutationen (die einzelne Aminosäuren austauschen) vor (OMIM #219000).
FREM2 — die zweithäufigste Ursache
FREM2 (FRAS1-Related Extracellular Matrix Protein 2) liegt auf Chromosom 13 (Genort 13q13.3) und kodiert ein Protein von 3.169 Aminosäuren, das strukturell eng mit FRAS1 verwandt ist. Wie FRAS1 besitzt es 12 sogenannte CSPG-Repeats (Chondroitinsulfat-Proteoglykan-ähnliche Wiederholungen) und Calx-beta-Motive — Strukturelemente, die für die Verankerung in der Basalmembran wichtig sind (Jadeja et al., 2005).
FREM2-Mutationen sind für etwa 20 % der Fraser-Syndrom-Fälle verantwortlich. Das FREM2-Protein bildet zusammen mit FRAS1 und einem weiteren Protein (FREM1) einen Dreierkomplex in der Basalmembran. Fällt FREM2 aus, destabilisiert sich dieser Komplex — mit den gleichen Folgen wie bei einem FRAS1-Defekt (OMIM #617666).
GRIP1 — die seltene Ursache
GRIP1 (Glutamate Receptor Interacting Protein 1) auf Chromosom 12 (Genort 12q14.3) unterscheidet sich grundlegend von den beiden anderen Genen. Während FRAS1 und FREM2 Proteine der extrazellulären Matrix kodieren, ist GRIP1 ein intrazelluläres Adapterprotein mit mehreren PDZ-Domänen. Seine Aufgabe: Es transportiert FRAS1 und FREM2 innerhalb der Zelle zur Zelloberfläche, von wo aus diese Proteine in die Basalmembran sezerniert werden (Vogel et al., 2012).
Funktioniert GRIP1 nicht, können FRAS1 und FREM2 zwar hergestellt werden, gelangen aber nicht an ihren Bestimmungsort. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Basalmembran ist instabil und die embryonale Entwicklung gestört. GRIP1-Mutationen sind selten — sie machen weniger als 5 % der Fraser-Syndrom-Fälle aus. Bisher wurden nur wenige betroffene Familien beschrieben (Schanze et al., 2014).
Der FRAS/FREM-Komplex und die Basalmembran
Um die molekularen Grundlagen des Fraser-Syndroms zu verstehen, muss man sich zunächst die Basalmembran vorstellen. Diese hauchdünne Struktur (nur etwa 50–100 Nanometer dick) liegt zwischen der Oberhaut (Epithel) und dem darunterliegenden Bindegewebe (Mesenchym). Sie dient als Trennschicht, aber vor allem als Verankerung: Ohne sie würde sich die Oberhaut vom Körper lösen.
Die Basalmembran besteht aus mehreren Schichten. In ihrer Tiefe — der sogenannten Sublamina densa — befindet sich der FRAS/FREM-Komplex. Dieser Komplex besteht aus drei Proteinen:
- FRAS1 — hergestellt von Epithelzellen, wird nach der Synthese von der Zelloberfläche abgespalten und in die Basalmembran eingelagert
- FREM2 — ebenfalls von Epithelzellen hergestellt, wird zusammen mit FRAS1 sezerniert
- FREM1 — im Unterschied zu den beiden anderen wird FREM1 von mesenchymalen Zellen (Bindegewebszellen) sezerniert und lagert sich von der Gegenseite an den Komplex an
Gemeinsam bilden diese drei Proteine einen ternären Komplex — eine Art molekulares Scharnier, das das Epithel fest mit dem darunterliegenden Mesenchym verbindet. Diese Verbindung ist während der embryonalen Entwicklung besonders kritisch: Wenn Gewebe wachsen, sich falten und verschmelzen müssen, sorgt der FRAS/FREM-Komplex dafür, dass die Gewebeschichten zusammenhalten (Pavlakis et al., 2011; Kiyozumi et al., 2006).
Ein bemerkenswertes Merkmal dieses Komplexes ist seine reziproke Stabilisierung: Die drei Proteine stabilisieren sich gegenseitig. Fällt auch nur eines der drei Proteine aus, destabilisiert sich der gesamte Komplex und alle drei Proteine verschwinden aus der Basalmembran. Das bedeutet: Egal ob FRAS1, FREM2 oder der Transporter GRIP1 defekt ist — das Ergebnis auf molekularer Ebene ist immer dasselbe: ein vollständiger Verlust des FRAS/FREM-Komplexes in der Basalmembran (Kiyozumi et al., 2006).
Wie der Defekt zu Fehlbildungen führt
Die Fehlbildungen beim Fraser-Syndrom entstehen nicht zufällig, sondern folgen einem gemeinsamen Mechanismus: einer gestörten Epithel-Mesenchym-Interaktion während der embryonalen Entwicklung. Der Ablauf lässt sich vereinfacht so beschreiben:
- Durch den Ausfall des FRAS/FREM-Komplexes verliert die Basalmembran ihre Verankerungsfunktion.
- Das Epithel löst sich stellenweise vom darunterliegenden Mesenchym ab.
- An den Ablösungsstellen entstehen zunächst seröse, dann blutgefüllte Blasen unter der Haut (subepidermale Blasen).
- Die Blasenbildung stört die normalen Entwicklungsprozesse — insbesondere dort, wo Gewebeschichten sich trennen oder verschmelzen müssen.
Je nachdem, an welcher Stelle im Embryo die Ablösung auftritt, entstehen unterschiedliche Fehlbildungen:
Augen — Kryptophthalmus
In der normalen Entwicklung bilden sich die Augenlider aus Hautfalten, die vorübergehend über der Augenanlage verschmelzen und sich dann wieder öffnen. Wenn die Basalmembran in diesem Bereich instabil ist, kommt es zu einer fehlerhaften oder dauerhaften Verschmelzung der Lidhaut mit der darunterliegenden Augenanlage — der Kryptophthalmus. Das Auge darunter kann unterschiedlich stark betroffen sein: von nahezu normal entwickelt bis stark verkleinert (Mikrophthalmie) oder fehlend (Anophthalmie).
Hände und Füße — Syndaktylie
Während der Handentwicklung sind die Finger zunächst durch Häute verbunden. Normalerweise sterben die Zellen zwischen den Fingern in einem kontrollierten Prozess (Apoptose) ab, sodass sich die Finger voneinander lösen. Ist die Basalmembran defekt, wird dieser Trennungsprozess gestört und die Finger bleiben ganz oder teilweise verwachsen — eine Syndaktylie.
Nieren — Agenesie oder Dysplasie
Die Nierenentwicklung beruht auf einem komplexen Wechselspiel zwischen zwei Gewebetypen: der Ureterknospe (epithelial) und dem metanephrogenen Mesenchym. Wenn die Verankerung zwischen beiden Geweben durch den FRAS/FREM-Defekt gestört ist, kann die Niere nicht ordnungsgemäß heranreifen. Die Folge reicht von einer leichten Fehlbildung (Nierendysplasie) bis zum vollständigen Fehlen einer oder beider Nieren (uni- oder bilaterale Nierenagenesie).
Atemwege — Larynxatresie
In seltenen, aber besonders schweren Fällen ist auch die Entwicklung des Kehlkopfs betroffen. Eine Larynxatresie — der Verschluss des Kehlkopfeingangs — kann bereits vorgeburtlich lebensbedrohliche Folgen haben, da sich die Lunge mit Flüssigkeit füllt und ausdehnt (CHAOS — Congenital High Airway Obstruction Syndrome). Dies ist eine der schwersten Manifestationen des Fraser-Syndroms.
Geschlechtsorgane
Auch die Entwicklung der äußeren und inneren Geschlechtsorgane beruht auf Epithel-Mesenchym-Interaktionen. Fehlbildungen in diesem Bereich gehören zu den häufigen Merkmalen des Fraser-Syndroms und können von einer leichten Ambiguität der äußeren Genitalien bis zu schweren Anomalien der inneren Geschlechtsorgane reichen.
Das blebbed-Mausmodell
Eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung der genetischen Grundlagen des Fraser-Syndroms spielten Mäuse mit einer spontan aufgetretenen Mutation — die sogenannten blebbed-Mäuse (genetisches Kürzel: bl/bl). Der Name leitet sich vom englischen Wort „bleb" (Blase) ab und beschreibt das auffälligste Merkmal dieser Tiere: Während der Embryonalentwicklung bilden sich unter der Haut Blasen, die durch die Ablösung der Oberhaut von der Basalmembran entstehen.
Die blebbed-Mäuse zeigen ein Fehlbildungsmuster, das dem Fraser-Syndrom beim Menschen auffallend ähnelt:
- Kryptophthalmus (zugewachsene Augenlider)
- Syndaktylie (verwachsene Zehen)
- Nierenfehlbildungen bis hin zur Nierenagenesie
- Subepidermale Blasenbildung
Im Jahr 2003 konnten zwei Forschergruppen gleichzeitig zeigen, dass die blebbed-Mutation im Maus-Gen Fras1 liegt — dem Gegenstück zum menschlichen FRAS1 (McGregor et al., 2003; Vrontou et al., 2003). Diese Parallelforschung an Mensch und Maus war ein klassisches Beispiel dafür, wie Tiermodelle helfen, menschliche Erkrankungen zu verstehen.
Auch für die anderen Gene gibt es inzwischen Mausmodelle. Besonders bemerkenswert: Frem2-Knockout-Mäuse, bei denen das FREM2-Gen gezielt ausgeschaltet wurde, entwickeln eine bilaterale Nierenagenesie und sterben kurz nach der Geburt. Dies bestätigt, dass FREM2 für die Nierenentwicklung unverzichtbar ist — und erklärt, warum Nierenfehlbildungen zu den häufigsten und schwerwiegendsten Merkmalen des Fraser-Syndroms gehören (Scientific Reports, 2025).
Genotyp und Phänotyp — eine schwache Korrelation
Eine Frage, die betroffene Eltern häufig stellen: Lässt sich aus dem genetischen Befund vorhersagen, wie schwer die Erkrankung sein wird? Die ehrliche Antwort lautet: leider nur sehr eingeschränkt.
Die Korrelation zwischen dem Genotyp (der spezifischen Mutation) und dem Phänotyp (dem klinischen Erscheinungsbild) ist beim Fraser-Syndrom auffallend schwach. Es gibt einige Tendenzen — zum Beispiel scheinen Patienten mit FRAS1-Mutationen etwas häufiger Schädelossifikationsdefekte und einen tiefstehenden Nabel aufzuweisen — aber diese Unterschiede sind statistisch nicht signifikant (van Haelst et al., 2008).
Besonders eindrücklich zeigt sich die variable Expressivität innerhalb derselben Familie: Selbst Geschwister, die exakt dieselbe Mutation tragen, können ein völlig unterschiedliches Spektrum von Fehlbildungen aufweisen. Ein Geschwisterkind kann einen milden, einseitigen Kryptophthalmus haben, während das andere eine schwere Kombination aus bilateralem Kryptophthalmus, Nierenagenesie und Larynxatresie zeigt.
Diese Variabilität hat vermutlich mehrere Ursachen:
- Modifizierende Gene: Andere Gene können die Auswirkungen der Fraser-Mutation abschwächen oder verstärken.
- Epigenetische Faktoren: Nicht alle Gene werden in jeder Zelle gleich abgelesen; chemische Markierungen auf der DNA können die Genaktivität beeinflussen.
- Stochastische Effekte: Manche Entwicklungsprozesse unterliegen einem gewissen Zufallselement — ob und wo genau sich die Oberhaut ablöst, ist nicht vollständig determiniert.
Für betroffene Familien bedeutet das: Eine genetische Diagnose bestätigt zwar die Erkrankung und ist wichtig für die Familienplanung, aber sie kann nicht vorhersagen, welche Fehlbildungen ein Kind haben wird oder wie schwer diese sein werden.
Erwähnenswert ist auch die phänotypische Überlappung mit dem Ablepharon-Makrostomie-Syndrom (AMS). In einigen Fällen, die klinisch zunächst als AMS diagnostiziert wurden, konnten Mutationen im FRAS1-Gen nachgewiesen werden — diese Patienten haben genetisch also ein Fraser-Syndrom. Die Grenzen zwischen den beiden Syndromen sind fließend (Slavotinek & Tifft, 2002).
Genetische Heterogenität — sind weitere Gene beteiligt?
Trotz der Identifizierung von drei ursächlichen Genen bleibt bei einem erheblichen Anteil der Patienten die molekulare Ursache ungeklärt. In Studien konnte bei etwa 15–20 % der klinisch diagnostizierten Fraser-Syndrom-Fälle keine Mutation in FRAS1, FREM2 oder GRIP1 gefunden werden. Das deutet auf weitere, bislang unentdeckte Gene hin.
In einer Studie mit 18 konsanguinen Familien zeigten neun eine Kopplung zum FRAS1-Locus, drei zum FREM2-Locus und drei zu beiden Loci. Sechs Familien jedoch zeigten zu keinem der beiden Loci eine Kopplung — ein starker Hinweis darauf, dass mindestens ein weiteres Gen am Fraser-Syndrom beteiligt sein muss (van Haelst et al., 2008).
Als Kandidatengene werden vor allem zwei weitere Mitglieder der FRAS/FREM-Familie diskutiert:
- FREM1: Das dritte Protein des ternären Basalmembran-Komplexes. Im Mausmodell führen FREM1-Mutationen zu einem fraser-ähnlichen Phänotyp. Beim Menschen wurden bisher jedoch keine FREM1-Mutationen bei Fraser-Syndrom-Patienten gefunden. FREM1-Mutationen verursachen stattdessen andere Erkrankungen (Manitoba-okulotrichoanales Syndrom, bifide Nase mit anorektalem Defekt).
- FREM3: Ein weiteres Mitglied der FREM-Proteinfamilie, dessen Rolle noch weniger erforscht ist.
Diese genetische Heterogenität ist für betroffene Familien relevant: Wird bei einem klinisch eindeutigen Fraser-Syndrom keine Mutation in den drei bekannten Genen gefunden, schließt das die Diagnose nicht aus. Es bedeutet lediglich, dass die Veränderung in einem noch unbekannten Gen liegen könnte.
Genetische Diagnostik
Die Diagnose des Fraser-Syndroms wird in erster Linie klinisch gestellt — anhand der charakteristischen Kombination von Fehlbildungen. Die revidierten Diagnosekriterien nach van Haelst et al. (2007) definieren sechs Hauptkriterien und fünf Nebenkriterien:
| Hauptkriterien | Nebenkriterien |
|---|---|
| Syndaktylie | Anorektale Defekte |
| Kryptophthalmus-Spektrum | Dysmorphe Ohren |
| Harnwegsanomalien | Schädelossifikationsdefekte |
| Genitale Ambiguität | Umbilikalanomalien |
| Laryngeale/tracheale Anomalien | Nasale Anomalien |
| Positive Familienanamnese |
Für die Diagnose müssen drei Hauptkriterien oder zwei Haupt- und zwei Nebenkriterien oder ein Haupt- und drei Nebenkriterien erfüllt sein (van Haelst et al., 2007).
Molekulargenetische Bestätigung
Steht die klinische Diagnose, kann eine molekulargenetische Untersuchung den Verdacht bestätigen und das betroffene Gen identifizieren. Dafür gibt es verschiedene Ansätze:
- Stufendiagnostik: Da FRAS1-Mutationen die häufigste Ursache sind, wird zunächst dieses Gen sequenziert. Findet sich dort keine Veränderung, folgen FREM2 und dann GRIP1. Dieser Ansatz ist gezielt, kann aber zeitaufwendig sein.
- Panel-Diagnostik: Alle drei Gene werden gleichzeitig untersucht. Dies ist heute der gängigste Ansatz und liefert schneller Ergebnisse als die Stufendiagnostik.
- Exom-Sequenzierung (WES): Bei negativem Panel-Ergebnis kann eine vollständige Sequenzierung aller proteinkodierenden Gene (Whole Exome Sequencing) durchgeführt werden. Dieser Ansatz kann auch Mutationen in bislang unbekannten Genen aufdecken.
Pränatale Diagnostik
Ist die Mutation in einer Familie bereits bekannt, kann bei einer erneuten Schwangerschaft eine pränatale genetische Diagnostik angeboten werden. Dafür wird fetale DNA aus einer Fruchtwasserpunktion (Amniozentese, ab der 15. Schwangerschaftswoche) oder einer Chorionzottenbiopsie (ab der 11. Schwangerschaftswoche) gewonnen und gezielt auf die bekannte Familienmutation untersucht.
Daneben kann eine vorgeburtliche Ultraschalluntersuchung bereits Hinweise auf ein Fraser-Syndrom geben — etwa durch den Nachweis von Mikrophthalmie, Syndaktylie, Nierenagenesie oder auffälligen Fruchtwasserverhältnissen. Diese Befunde können den Anstoß für eine gezielte genetische Untersuchung geben.
Wiederholungsrisiko und genetische Beratung
Für Eltern, die bereits ein Kind mit Fraser-Syndrom haben, ist das Wiederholungsrisiko eine der drängendsten Fragen. Die Antwort ergibt sich direkt aus dem autosomal-rezessiven Erbgang:
- 25 % Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind betroffen ist (beide veränderten Genkopien geerbt)
- 50 % Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind gesunder Träger ist (eine veränderte Genkopie geerbt)
- 25 % Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind weder Träger noch betroffen ist (beide intakten Genkopien geerbt)
Diese Zahlen gelten für jede einzelne Schwangerschaft unabhängig — sie verändern sich nicht dadurch, dass bereits ein betroffenes Kind geboren wurde.
Eine genetische Beratung wird allen Familien empfohlen, in denen ein Fraser-Syndrom aufgetreten ist. Im Rahmen der Beratung können folgende Punkte besprochen werden:
- Der Erbgang und das Wiederholungsrisiko
- Die Möglichkeiten der genetischen Testung (für die Eltern, Geschwister und bei einer erneuten Schwangerschaft)
- Die Bedeutung und Grenzen der pränatalen Diagnostik
- Die variable Ausprägung — auch wenn das Wiederholungsrisiko bekannt ist, lässt sich die Schwere der Erkrankung nicht vorhersagen
Auch die erweiterte Familie kann betroffen sein: Geschwister der Eltern haben eine 67%ige Wahrscheinlichkeit, ebenfalls Träger zu sein. Für sie kann eine Trägerdiagnostik sinnvoll sein, insbesondere bei eigener Familienplanung — vor allem dann, wenn der Partner ebenfalls aus einer betroffenen Familie stammt oder eine Blutsverwandtschaft besteht.
Aktuelle Forschung und offene Fragen
Die Identifizierung der drei ursächlichen Gene war ein Meilenstein — doch die Forschung zum Fraser-Syndrom ist keineswegs abgeschlossen. Mehrere wichtige Fragen sind noch offen:
Weitere Gene
Bei 15–20 % der klinisch diagnostizierten Fälle findet sich keine Mutation in FRAS1, FREM2 oder GRIP1. Die Suche nach weiteren Genen, die das Fraser-Syndrom verursachen können, geht weiter. Moderne Verfahren wie die Exom- und Genom-Sequenzierung sowie internationale Zusammenarbeit in Forschungskonsortien könnten hier in den kommenden Jahren zu Durchbrüchen führen.
Modifizierende Faktoren
Warum zeigen selbst Geschwister mit identischer Mutation ein so unterschiedliches Fehlbildungsspektrum? Die Rolle modifizierender Gene, epigenetischer Faktoren und stochastischer Entwicklungsprozesse ist noch weitgehend unverstanden. Ein besseres Verständnis dieser Faktoren könnte langfristig zu einer genaueren Prognose beitragen.
Basalmembranbiologie
Der FRAS/FREM-Komplex hat sich als Schlüsselstruktur der Basalmembran erwiesen. Die Forschung an diesem Komplex hat Bedeutung weit über das Fraser-Syndrom hinaus: Sie hilft zu verstehen, wie die Basalmembran aufgebaut wird und wie Gewebe während der Embryonalentwicklung zusammenhalten. Diese Erkenntnisse sind relevant für die gesamte Entwicklungsbiologie und möglicherweise auch für andere Erkrankungen, die mit Basalmembrandefekten einhergehen.
Therapie
Eine ursächliche Therapie des Fraser-Syndroms — etwa durch Gentherapie oder den Ersatz der fehlenden Proteine — gibt es bislang nicht und ist derzeit auch nicht in klinischer Erprobung. Die Behandlung richtet sich nach den individuellen Fehlbildungen und umfasst chirurgische Eingriffe sowie begleitende Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Frühförderung.
Die Grundlagenforschung an den FRAS/FREM-Proteinen und den Mausmodellen schafft jedoch das Fundament, auf dem zukünftige therapeutische Ansätze aufbauen könnten. Jede neue Erkenntnis über die molekularen Mechanismen bringt dieses Ziel ein Stück näher.
Quellen
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