Therapien

Ergotherapie beim Fraser Syndrom

· Aktualisiert 14.03.2026 · 19 Min. Lesezeit

Ergotherapie beim Fraser-Syndrom

Ergotherapie gehört für viele Kinder mit Fraser-Syndrom zu den wichtigsten Fördermaßnahmen überhaupt — besonders nach handchirurgischen Eingriffen bei Syndaktylien und im Alltag mit Sehbehinderung. Sie hilft Kindern, ihre Hände zu benutzen, sich selbst zu versorgen und die Welt um sie herum zu begreifen — auch wenn Finger verwachsen waren, die Augen kaum sehen und Geräusche anders ankommen als bei anderen Kindern.

Was ist Ergotherapie?

Ergotherapie ist eine eigenständige medizinische Fachrichtung. Ihr Ziel ist es, Menschen — Kindern wie Erwachsenen — dabei zu helfen, die Dinge des Alltags selbstständig und so vollständig wie möglich zu tun: essen, sich anziehen, greifen, spielen, später schreiben. Das Wort "Ergon" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Arbeit" — gemeint ist die Arbeit des Lebens, die täglichen Handlungen also, die uns alle ausmachen.

Im Mittelpunkt steht immer die Handlung selbst: Was will oder muss das Kind tun können — und was braucht es dafür? Wenn Finger nach einer Operation noch steif sind, wenn sehbehinderte Kinder lernen müssen, ihren Körper ohne visuelle Rückmeldung zu spüren, wenn Geräusche überwältigend ankommen und das Kind sich nicht konzentrieren kann — dann ist Ergotherapie der richtige Ort, um daran zu arbeiten.

Ergotherapie und Physiotherapie werden beim Fraser-Syndrom häufig gleichzeitig verordnet und ergänzen sich. Der Unterschied: Physiotherapie arbeitet vor allem an Grobmotorik, Gleichgewicht, Körperhaltung und Kraft — sie fragt, ob das Kind laufen, sitzen und sich aufrichten kann. Ergotherapie fragt: Kann das Kind einen Löffel halten? Kann es sich selbst anziehen? Wie verarbeitet es Berührung und Geräusche? Beide Perspektiven zusammen ergeben ein vollständiges Bild.

Warum ist Ergotherapie beim Fraser-Syndrom wichtig?

Orphanet, die europäische Referenzdatenbank für seltene Erkrankungen, nennt Ergotherapie ausdrücklich als Bestandteil des multidisziplinären Behandlungsansatzes beim Fraser-Syndrom — neben Physiotherapie, Logopädie und Psychomotorik (Orphanet, 2020). Fraser-Syndrom-spezifische Studien zur Ergotherapie gibt es nicht; die Erkrankung ist dafür zu selten. Was wir wissen, ergibt sich aus der Logik der Fehlbildungen und aus Erkenntnissen bei vergleichbaren Erkrankungen.

Drei Fehlbildungskomplexe des Fraser-Syndroms machen Ergotherapie besonders relevant:

Syndaktylien der Hände: Wenn Finger miteinander verwachsen sind — bei einem erheblichen Teil der Betroffenen (van Haelst et al., 2007) — ist die Handfunktion von Geburt an eingeschränkt. Nach der chirurgischen Trennung (die meist im ersten oder zweiten Lebensjahr erfolgt) brauchen Kinder intensive ergotherapeutische Begleitung, um die neu getrennten Finger tatsächlich nutzen zu lernen. Ohne diese Nachbehandlung verpufft der Gewinn der Operation.

Sehbehinderung oder Blindheit: Kryptophthalmus (griechisch: verborgenes Auge) — die häufigste Fehlbildung beim Fraser-Syndrom, bei etwa 93 % der Betroffenen (van Haelst et al., 2007) — bedeutet in vielen Fällen eine schwere Sehbehinderung oder vollständige Blindheit. Kinder ohne Sehvermögen können Alltagshandlungen nicht durch Beobachten lernen. Sie brauchen eine systematische Förderung, die auf taktile, akustische und kinästhetische Wahrnehmung setzt — genau das ist ein Kerngebiet der Ergotherapie.

Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit: Wenn zusätzlich zur Sehbehinderung das Hören eingeschränkt ist — was beim Fraser-Syndrom nicht selten vorkommt — entsteht eine Mehrfach-Sinnesbeeinträchtigung, die das Lernen grundlegend verändert. Ergotherapie mit dem Schwerpunkt sensorische Integration ist in solchen Situationen oft der erste Schritt, bevor andere Therapien greifen können.

Nach der Syndaktylie-OP: Der wichtigste Einsatzbereich

Wenn dein Kind eine Syndaktylie-OP an den Händen hat — oder wenn sie geplant ist — ist die postoperative Ergotherapie einer der wichtigsten Behandlungsschritte überhaupt. Eltern unterschätzen das manchmal: Die Operation trennt die Finger, aber das Gehirn weiß noch nicht, wie es mit ihnen umgehen soll. Das Lernen beginnt erst nach dem Schnitt.

Warum Ergotherapie nach der Handoperation so entscheidend ist

Verwachsene Finger funktionieren anders als getrennte. Ein Kind, das von Geburt an mit Syndaktylie gelebt hat, hat in diesem Zustand Greifmuster entwickelt — der ganze Arm, die Schulter, die Handhaltung haben sich daran angepasst. Nach der Operation sind die Finger zwar getrennt, aber Muskeln, Sehnen und Haut sind noch nicht daran gewöhnt, einzeln zu arbeiten. Dazu kommt Narbengewebe: Operationsnarben neigen dazu, sich zusammenzuziehen (Kontraktur) und die Beweglichkeit wieder einzuschränken — wenn sie nicht behandelt werden.

Aus der Erfahrung mit dem Apert-Syndrom — einer anderen Erkrankung mit schwerer Syndaktylie der Hände — ist bekannt, dass Rehabilitation nach chirurgischer Syndaktylie-Trennung entscheidend dafür ist, ob Kinder ihre Hände langfristig sinnvoll einsetzen können: Schreiben, Stift halten, Alltagsgegenstände greifen, später am Computer tippen (Gur et al., 1984). Ohne Nachbehandlung ist das chirurgische Ergebnis gefährdet.

Was in der postoperativen Ergotherapie passiert

Die Ergotherapeutin beginnt in der Regel wenige Wochen nach der Operation, sobald die Wunden ausreichend abgeheilt sind — der genaue Zeitpunkt hängt vom Operationsbericht und der Einschätzung des Handchirurgen ab. Die Ergotherapeutin arbeitet in engem Kontakt mit dem Operationsteam.

Typische Inhalte der postoperativen Ergotherapie bei Syndaktylie:

  • Narbenpflege und Narbenbehandlung: Regelmäßiges Einmassieren der Operationsnarben mit Silikon-Gel oder speziellen Narbencremes, manuelle Narbenmobilisation — um die Narbe weich und beweglich zu halten und einer Kontraktur entgegenzuwirken.
  • Mobilisation der Fingergelenke: Gezielte passive und aktive Bewegungsübungen, um den vollen Bewegungsumfang der Finger zu erreichen und zu erhalten.
  • Greiftraining: Das Kind lernt, die neu getrennten Finger einzeln und koordiniert einzusetzen — von groben Greifformen (ganzer Handgriff) über feinere Griffe (Pinzettengriff, Schlüsselgriff) bis hin zu Alltagshandlungen.
  • Kraftaufbau: Die kleinen Handmuskeln zwischen und an den Fingern sind nach einer Syndaktylie häufig schwach oder untrainiert — gezielte Kräftigungsübungen helfen, das aufzuholen.
  • Kompensationsstrategien: Wenn die volle Funktion nicht erreichbar ist, entwickelt die Ergotherapeutin gemeinsam mit dem Kind Strategien, wie es trotzdem selbstständig bleibt — veränderte Grifftechniken, angepasste Hilfsmittel.

Die Häufigkeit der Therapiestunden richtet sich nach dem Operationsbefund und dem Alter des Kindes. Direkt nach der Operation sind engmaschige Sitzungen sinnvoll — täglich oder mehrmals wöchentlich in den ersten Wochen. Später kann die Frequenz reduziert werden, sobald das Kind die Übungen zunehmend selbstständig oder mit Elternunterstützung zu Hause fortführt.

Schienen und Hilfsmittel nach der OP

Nach Syndaktylie-Operationen werden häufig individuell angefertigte Schienen (Orthesen) eingesetzt. Sie halten die Finger in einer günstigen Position, während die Narbe heilt, und beugen einer Kontraktur vor. Die Ergotherapeutin fertigt diese Schienen oft selbst an — aus thermoplastischem Kunststoff, der sich im Wasserbad erwärmen und dann individuell formen lässt. Das ist ein Vorteil gegenüber konfektionierten Schienen aus der Apotheke: Sie passen exakt auf die Hand des Kindes.

Typischerweise werden die Schienen zunächst durchgehend getragen — auch nachts — und schrittweise abtrainiert, sobald die Beweglichkeit zugenommen hat und die Narbe reifer ist. Wie lange das dauert, ist individuell sehr unterschiedlich.

Feinmotorik-Förderung bei operierten oder verwachsenen Fingern

Feinmotorik ist mehr als nur "mit den Fingern basteln". Sie ist die Grundlage für Selbstständigkeit: Knöpfe schließen, Reißverschlüsse öffnen, Besteck halten, eine Schere führen, später einen Stift. Für Kinder, deren Finger verwachsen waren oder operiert wurden, ist diese Entwicklung nicht selbstverständlich — sie braucht gezielte Förderung.

Ergotherapie zur Feinmotorik-Förderung setzt im Spiel an: Das Kind baut Türme, steckt Perlen auf Schnüre, knetet, zeichnet, sortiert kleine Gegenstände. Hinter scheinbar spielerischen Aktivitäten steckt ein klares therapeutisches Ziel: Das Gehirn soll lernen, die Finger einzeln und präzise anzusteuern. Das gelingt am besten, wenn die Aufgaben herausfordernd, aber machbar sind — und wenn das Kind selbst wählen kann, womit es spielt.

Bei Kindern mit Sehbehinderung wird die Feinmotorik-Förderung taktil angepasst: stark strukturierte Materialien (rau, glatt, weich, hart, nass, trocken), Objekte mit klar unterscheidbaren Formen und Größen, Spiele, bei denen das Ertasten wichtiger ist als das Sehen.

Wenn die volle Handfunktion nicht erreichbar ist — weil die Operation begrenzte Ergebnisse gebracht hat oder weil weitere Eingriffe noch ausstehen — entwickelt die Ergotherapeutin gemeinsam mit dem Kind und den Eltern Kompensationsstrategien: Wie hält es einen Stift anders? Welche Hilfsmittel helfen? Wie wird die Handarbeit zwischen beiden Händen aufgeteilt? Ziel ist immer die größtmögliche Selbstständigkeit, nicht die "normale" Handfunktion um jeden Preis.

Sensorische Integration bei Mehrfach-Sinnesbeeinträchtigung

Unser Gehirn verarbeitet ständig Signale aus verschiedenen Sinneskanälen gleichzeitig: Was ich sehe, was ich höre, wie sich mein Körper anfühlt, ob ich gerade falle oder stabil stehe. Sensorische Integration ist der Fachbegriff dafür, wie das Gehirn diese Signale zusammenführt und in sinnvolle Handlungen übersetzt. Wenn dieser Prozess gestört ist — weil ein oder mehrere Sinneskanäle fehlen oder anders funktionieren — kann das Lernen und Handeln im Alltag erheblich beeinträchtigt sein.

Beim Fraser-Syndrom treffen häufig zwei Einschränkungen zusammen: Sehbehinderung und Schwerhörigkeit. Das Gehirn erhält dann aus den zwei wichtigsten Fernsinnen nur fragmentarische oder gar keine Information. Als Ausgleich müssen die Nah- und Körpersinne stärker werden: Tasten, Propriozeption (das Körpergefühl — die Wahrnehmung, wo die eigenen Glieder gerade sind), Gleichgewicht, Schmerz und Druck.

Ergotherapie mit dem Schwerpunkt sensorische Integration — nach dem Konzept von Jean Ayres, das heute als "Ayres Sensory Integration" (ASI) bezeichnet wird — unterstützt das Gehirn dabei, Sinnesreize besser zu verarbeiten. Die Therapie sieht aus wie Spielen: Schaukeln, Klettern, in Materialien wühlen, auf verschiedenen Untergründen balancieren. Dahinter steckt das Ziel, das Nervensystem gezielt mit dosierten Sinnesreizen zu versorgen, damit es lernt, diese zu ordnen und zu nutzen.

Für Kinder mit Fraser-Syndrom, die weder gut sehen noch gut hören können, kann sensorische Integration-Therapie buchstäblich der Schlüssel sein, bevor andere Fördermaßnahmen greifen: Wenn ein Kind seinen Körper nicht gut spürt und keine verlässlichen Sinnesinformationen bekommt, ist es kaum in der Lage, Sprache zu lernen, Alltagshandlungen auszuführen oder in einer Gruppe zu spielen. Sensorische Grundlage zuerst — dann der Rest.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die sensorische Überempfindlichkeit: Manche Kinder mit Sehbehinderung reagieren auf Berührung, Geräusche oder bestimmte Oberflächen mit Abwehr oder Panik — das Nervensystem ist überreizt, weil es die Reize nicht einordnen kann. Ergotherapie kann helfen, diese Überempfindlichkeit schrittweise zu reduzieren und dem Kind mehr Sicherheit im eigenen Körper zu geben.

Alltagskompetenzen bei Sehbehinderung und Blindheit

ADL steht für "Activities of Daily Living" — auf Deutsch: Aktivitäten des täglichen Lebens. Essen, Trinken, sich waschen, sich anziehen, zur Toilette gehen, später selbstständig die Wohnung verlassen. Für sehende Kinder ist vieles davon nahezu selbstverständlich: Sie sehen, wie die Erwachsenen es machen, und ahmen nach. Für blinde oder stark sehbehinderte Kinder funktioniert das nicht.

ADL-Training ist ein zentrales Aufgabenfeld der Ergotherapie — gerade bei Kindern mit Kryptophthalmus und den damit verbundenen Seheinschränkungen. Die Ergotherapeutin analysiert, welche Alltagshandlungen das Kind noch nicht selbstständig ausführt, und erarbeitet dann Schritt für Schritt, wie es gehen kann — ohne Sehen.

Essen und Trinken

Blinde Kinder können nicht beobachten, wie man einen Löffel führt oder ein Glas ansetzt. Das ADL-Training beginnt mit einfachen, taktil gut spürbaren Aufgaben: ein Brötchen halten und abbeißen, eine Tasse greifen, Besteck nach Gefühl einsetzen. Die Ergotherapeutin nutzt dabei oft das "Hand-über-Hand"-Prinzip: Sie führt die Hände des Kindes so, wie es geht — und zieht sich Schritt für Schritt zurück, sobald das Kind die Bewegung verinnerlicht hat.

Anziehen

Knöpfe schließen, Reißverschlüsse öffnen, Schuhe zubinden — für Kinder mit operierten Händen und ohne Sehvermögen gleich doppelt herausfordernd. Die Ergotherapeutin entwickelt systematische Strategien: Kleidungsstücke immer in der gleichen Reihenfolge ablegen, taktile Markierungen an Kleidungsstücken (vorne/hinten), Verschlüsse trainieren bis zur Automatisierung. Manchmal werden Kleidung oder Alltagsgegenstände angepasst — Klettverschlüsse statt Knöpfe — bis die feinmotorischen Fähigkeiten weiter gereift sind.

Orientierung im Raum

Ein wichtiger Teilbereich des ADL-Trainings ist die Orientierung im vertrauten Raum: Wo ist die Küche? Wo ist das Badzimmer? Wie navigiere ich sicher durch die Wohnung? Ergotherapeutinnen arbeiten hier eng mit Fachleuten für Orientierung und Mobilität (O&M) zusammen — und trainieren mit dem Kind systematisch, sich in bekannten Umgebungen sicher zu bewegen.

Selbstversorgung als Entwicklungsziel

Das Ziel des ADL-Trainings ist nie Perfektion, sondern größtmögliche Selbstständigkeit. Was das konkret bedeutet, hängt vom Kind ab — von seinen Fähigkeiten, seinen Fehlbildungen und dem, was für seine Familie im Alltag wichtig ist. Die Ergotherapeutin erarbeitet das gemeinsam mit den Eltern. Was schafft dein Kind alleine? Was braucht es Unterstützung? Und was wäre der nächste sinnvolle Schritt?

Wahrnehmungsförderung beim Fraser-Syndrom

Wahrnehmungsförderung ist eng mit sensorischer Integration verwandt — aber breiter: Sie umfasst alle Sinneskanäle und deren Zusammenspiel. Beim Fraser-Syndrom geht es dabei vor allem um drei Bereiche:

Taktile Wahrnehmung: Die Hände und der Körper sind das primäre Fenster zur Welt, wenn Sehen und Hören eingeschränkt sind. Ergotherapie fördert die taktile Differenzierungsfähigkeit gezielt: Unterschiedliche Materialien ertasten und benennen, Objekte durch Betasten identifizieren, feine Unterschiede in Oberfläche und Temperatur wahrnehmen. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für das spätere Lesen mit dem Braille-System.

Propriozeption und Körperschema: Kinder ohne Sehvermögen brauchen ein besonders sicheres Gefühl für ihren eigenen Körper — wo sind meine Arme, wenn ich sie nicht sehe? Steht mein Körper gerade? Wo höre ich auf und fängt der Tisch an? Gezielte Übungen, bei denen das Kind seinen Körper gegen Widerstände einsetzt (drücken, ziehen, tragen), stärken die propriozeptive Wahrnehmung.

Auditive Wahrnehmung: Wenn Hören die wichtigste Informationsquelle ist — weil Sehen eingeschränkt ist — muss die auditive Wahrnehmung besonders gut geschult werden: Woher kommt ein Geräusch? Was bedeutet dieses Knarren? Ist das Wasser schon kalt? Ergotherapie kann diese Schulung in den Alltag integrieren und das Kind dabei unterstützen, Geräusche als verlässliche Orientierungshilfe zu nutzen. Das gilt auch, wenn gleichzeitig eine Schwerhörigkeit besteht — dann in enger Abstimmung mit der Hörgeschädigten-Pädagogik und dem gesamten Therapieteam.

Hilfsmittelberatung und -training

Ergotherapeutinnen sind Expertinnen für Hilfsmittel — also für all die Dinge, die das Leben mit einer Behinderung leichter machen. Bei Kindern mit Fraser-Syndrom kommen verschiedene Hilfsmittelbereiche in Frage.

Hilfsmittel für die Handarbeit nach Syndaktylie

Nach Syndaktylie-Operationen können individuell angefertigte Griffverdickungen, angepasste Besteckgriffe oder spezielle Stifte das Schreiben und Essen deutlich erleichtern. Die Ergotherapeutin beurteilt, welches Hilfsmittel sinnvoll ist — und übt mit dem Kind, es zu benutzen. Wichtig: Hilfsmittel sollen das Kind unterstützen, nicht dauerhaft abhängig machen. Wenn die Funktion sich verbessert, wird das Hilfsmittel schrittweise wieder abgebaut.

Hilfsmittel für Sehbehinderung im Alltag

Es gibt eine Vielzahl von Alltagshilfsmitteln für sehbehinderte oder blinde Kinder: sprechende Uhren, taktile Markierungen für Haushaltsgegenstände, tastbare Beschriftungen, strukturierte Ablagesysteme, kontrastreiche Farbgebung für Kinder mit Restsehvermögen. Die Ergotherapeutin kennt das Angebot und kann mit dem Kind und den Eltern herausfinden, was wirklich hilft — und was im Alltag eher stört als nützt.

Technische Hilfsmittel und digitale Zugänglichkeit

Für ältere Kinder und Jugendliche werden technische Hilfsmittel immer wichtiger: Vorlese-Software, Screenreader, Braille-Zeilen für den Computer, Sprachsteuerung. Ergotherapeutinnen können bei der Auswahl und Eingewöhnung unterstützen — und dabei helfen, Hilfsmittel bei der Krankenkasse zu beantragen.

Hilfsmittelantrag und Kostenübernahme

Viele Hilfsmittel werden von der gesetzlichen Krankenversicherung oder vom Träger der Eingliederungshilfe finanziert. Die Ergotherapeutin kann beim Antragsverfahren unterstützen und eine therapeutische Notwendigkeitsbegründung erstellen — das erhöht die Bewilligungswahrscheinlichkeit erheblich. Eltern müssen das nicht alleine durchkämpfen.

Ab wann? Wann beginnen?

So früh wie möglich. Das ist die klare Botschaft aus der Frühinterventionsforschung — und sie gilt für Ergotherapie genauso wie für Physiotherapie. Je früher das kindliche Gehirn positive Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen machen kann, desto effektiver ist die Förderung.

Für Kinder mit Fraser-Syndrom bedeutet das: Ergotherapie ist oft schon im Säuglingsalter sinnvoll — spätestens aber dann, wenn eine Syndaktylie-OP geplant ist oder wenn sich zeigt, dass die Entwicklung der Handmotorik oder der Alltagskompetenzen hinter dem altersgerechten Stand zurückbleibt.

In der Praxis läuft es häufig so: Physiotherapie beginnt früher, weil Grobmotorik und Haltung im ersten Lebensjahr drängender sind. Ergotherapie setzt meist parallel oder kurz danach ein — und wird spätestens dann unverzichtbar, wenn eine Syndaktylie-OP bevorsteht. Die Koordination übernimmt in der Regel das SPZ oder die Frühförderstelle.

Es gibt keine starre Altersgrenze nach oben: Ergotherapie kann auch im Schulalter, im Jugendalter oder noch später sinnvoll sein — wenn neue Anforderungen entstehen (Schreiben in der Schule, selbstständige Mobilität in einer neuen Stadt, Berufsvorbereitung). Ergotherapie ist keine Therapie nur für kleine Kinder.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Ergotherapie ist bei entsprechender Diagnose eine Kassenleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Die rechtliche Grundlage ist SGB V (das Sozialgesetzbuch für die gesetzliche Krankenversicherung), § 32 (Heilmittel); die Details regelt die Heilmittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zusammen mit dem Heilmittelkatalog.

Für eine Verordnung braucht ihr eine ärztliche Überweisung — entweder vom Kinderarzt oder von einem Facharzt (zum Beispiel vom behandelnden Kinderchirurgen oder dem SPZ-Arzt). Auf dem Verordnungsformular steht die Diagnose und welche Ergotherapie-Leistung verordnet wird. Das Rezept bringt ihr zur Ergotherapeutin eurer Wahl.

Langfristiger Heilmittelbedarf (LHB)

Für Kinder mit einer dauerhaften Behinderung oder einer schweren chronischen Erkrankung gilt der Langfristige Heilmittelbedarf — ein wichtiges Instrument, das Eltern kennen sollten. Was das in der Praxis bedeutet: Es gibt keine Mengenbegrenzung pro Quartal, keine bürokratischen Hürden beim Ausstellen wiederholter Verordnungen, und der Arzt trägt kein Regressrisiko für die Kosten. Die Verordnungen können regelmäßig und ohne Rechtfertigungsdruck ausgestellt werden.

Fraser-Syndrom fällt aufgrund seiner Komplexität und seiner Schwere in aller Regel unter die Diagnosen, für die LHB gilt. Welcher ICD-10-Code auf der Verordnung steht, klärt der behandelnde Arzt — er wird die passende Diagnosekombination wählen, die den individuellen Fehlbildungen deines Kindes entspricht.

Frühförderung als Alternative oder Ergänzung

Für Kinder bis zum Schuleintritt gibt es neben der Heilmittelverordnung noch einen zweiten Weg: die Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFF). Dort werden Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie und Heilpädagogik unter einem Dach angeboten — oft auch als Hausbesuch. Die Leistung basiert auf SGB IX (Sozialgesetzbuch zur Rehabilitation und Teilhabe) im Rahmen der Komplexleistung Frühförderung und kombiniert medizinische Rehabilitation mit heilpädagogischer Förderung. Zugang: Euer Kinderarzt veranlasst die Eingangsdiagnostik und leitet an die Frühförderstelle weiter.

Wichtig: Heilmittelverordnung und Frühförderleistung können für dieselbe Therapie nicht gleichzeitig genutzt werden. Das SPZ oder die Frühförderstelle klärt im Einzelfall, was sinnvoller ist.

Wie finde ich eine geeignete Ergotherapeutin?

Das ist eine der häufigsten Fragen — und eine der schwierigsten. Nicht jede Ergotherapeutin hat Erfahrung mit Kindern, die sehbehindert sind, verwachsene Hände hatten und gleichzeitig eine Mehrfachbeeinträchtigung haben. Für Kinder mit Fraser-Syndrom braucht ihr jemanden, der mehr kann als Standardübungen.

Das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) als erste Anlaufstelle

Das SPZ ist für komplexe Fälle wie das Fraser-Syndrom der beste Startpunkt. Dort sitzt ein Team aus Ärztinnen, Physiotherapeutinnen, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen — alle unter einem Dach, alle aufeinander abgestimmt. Eine Überweisung vom Kinderarzt ist erforderlich. Das SPZ koordiniert dann, welche Therapien wann sinnvoll sind, und kann die Ergotherapeutin intern stellen oder eine geeignete externe Praxis empfehlen.

Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFF)

Für Kinder bis zum Schuleintritt ist die Frühförderstelle oft der niedrigschwelligste Zugang: Sie kommt wenn nötig nach Hause, koordiniert alle Therapien und kennt den regionalen Versorgungsmarkt. Über den Kinderarzt kommt ihr hin.

Was ihr bei einer Ergotherapiepraxis nachfragen solltet

Wenn ihr eine externe Praxis sucht, lohnt sich ein kurzes Erstgespräch — vor der ersten Behandlung. Fragen, die ihr stellen könnt:

  • Haben Sie Erfahrung mit Kindern mit Sehbehinderung oder Blindheit?
  • Haben Sie schon Kinder nach Syndaktylie-OPs behandelt?
  • Haben Sie eine Fortbildung in sensorischer Integration (ASI)?
  • Arbeiten Sie mit dem Operationsteam oder dem SPZ zusammen?

Eine gute Ergotherapeutin wird diese Fragen begrüßen und offen antworten. Wenn die Antworten zögern oder ausweichen — sucht weiter. Euer Kind verdient jemanden, der wirklich weiß, was es braucht.

Weiterführende Anlaufstellen

Quellen

Fraser-Syndrom — Behandlungsempfehlungen und Epidemiologie

  • Orphanet. (2020). Fraser syndrome (ORPHA:2052). https://www.orpha.net/en/disease/detail/2052
  • van Haelst, M. M., Scambler, P. J., Fraser Syndrome Collaboration Group, & Hennekam, R. C. M. (2007). Fraser syndrome: A clinical study of 59 cases and evaluation of diagnostic criteria. American Journal of Medical Genetics Part A, 143A(24), 3194–3203. https://doi.org/10.1002/ajmg.a.31951
  • Slavotinek, A. M., & Tifft, C. J. (2002). Fraser syndrome and cryptophthalmos: Review of the diagnostic criteria and evidence for phenotypic modules in complex malformation syndromes. Journal of Medical Genetics, 39(9), 623–633. https://doi.org/10.1136/jmg.39.9.623

Analogiequellen — Rehabilitation bei Syndaktylie und angeborenen Fehlbildungen

  • Gur, I., Peled, I. J., de Leon Falewski, G., & Meyer, S. (1984). Rehabilitation aspects of Apert's syndrome. Israel Journal of Medical Sciences, 20(1), 50–54.
  • García Aguilar, C. E., García-Muñoz, C., Carmona-Barrientos, I., Vinolo-Gil, M. J., Martin-Vega, F. J., & Gonzalez-Medina, G. (2023). Rehabilitation in patients diagnosed with arthrogryposis multiplex congenita: A systematic review. Children, 10(5), 768. https://doi.org/10.3390/children10050768

Sensorische Integration und Wahrnehmungsförderung

  • Ayres, A. J. (1972). Sensory integration and learning disorders. Western Psychological Services.

Versorgungsstruktur Deutschland

  • Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). (2021). Heilmittel-Richtlinie. https://www.g-ba.de/richtlinien/12/
  • Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V. (DVE). (o. D.). Ergotherapie — was ist das? https://www.dve.info/ergotherapie/was-ist-ergotherapie.html